In J. Zempel, J. Bacher & K. Moser (Hrsg.) (2001). Erwerbslosigkeit. Ursachen, Auswirkungen und Interventionen (Bd.
12 der Reihe „Psychologie sozialer Ungleichheit“). (S. 397 - 414). Opladen: Leske + Budrich.
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1. Einleitung
Daß die zeitgenössische Arbeitslosenforschung eine Geschichte hat, wird jedem aufmerksamen Leser und jeder aufmerksamen Leserin der einschlägigen Literatur spätestens nach der Lektüre eines der zahlreichen Sammelreferate (z.B. Morris & Cook, 1991; Winefield, 1995; Kasl, Rodriguez & Lasch, 1998) oder einer der einschlägigen Monographien, die den aktuellen Erkenntnisstand zusammenfassen, klar (z.B. Feather, 1990; Mohr, 1997): Früher oder später stößt er/sie unvermeidlich auf "Die Arbeitslosen von Marienthal". Diese Studie – so der Un-tertitel des Originals – handelt von einem "soziographischen Versuch", die "Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit" zu entschlüsseln. 1933 erstmals in einem Leipziger Verlag publiziert, wurde diese österreichische Gemeindestudie bereits in den zeitgenössischen Rezensionen überwiegend wohlwollend besprochen (z.B. von Wiese, 1934). Später avancierte sie nicht nur zur wohl meist zitierten Veröffentlichung in der Arbeitslosenforschung;
sie wurde zu einer Fundgrube für methodisch Interessierte und – in einer Befragung der Vorstandsmitglieder der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in den 70er Jahren – mit deutlichem Vorsprung gegenüber anderen Arbeiten zu einem Klassiker empirischer Sozialforschung geadelt (von Alemann, 1984, S. 308).
Bedingt durch die politischen Verhältnisse und Vorbehalte des Untersuchungsleiters Paul Lazarsfelds steigerte der im Original nur 78 Seiten umfassende Untersuchungsbericht erst mit einiger Verzögerung seinen Bekanntheitsgrad in den 70er und 80er Jahren durch die Übersetzung in mittlerweile sechs Sprachen (amerikanisch, 1971; englisch, 1972; französisch, 1982; italienisch, 1986; spanisch, 1987; norwegisch, 1997) und – durch Vermittlung von Paul Neurath, einem Schüler von Paul Lazarsfeld – sogar ins Koreanische (1983). Allein im deutschen Sprachraum wurde die Studie in vier verschiedenen Verlagen gedruckt und erlebte ungezählte Neuauflagen. Und: Im Unterschied zu manchem anderen Klassiker wird die Marienthalstudie auch heute noch gelesen.
Kein Zweifel also: Die sozialwissenschaftliche Arbeitslosenforschung hat eine Geschichte und die Marienthalstudie ist international die zentrale Referenzarbeit der in diesem Forschungsbereich tätigen Sozialwissenschaftler/-innen und Psychologen/-innen. Manche Autoren – so z.B. der finnische Sozialwissenschaftler Lahelma (1989, S. 13) und die deutsche Psychologin Gisela Mohr (1997, S. 15ff.) – vertreten sogar die Auffassung, die Marienthalstudie habe die Arbeitslosenforschung erst begründet. Leser spricht von ihr als einer "Pioniertat der modernen sozialwissenschaftlichen Forschung", einem "Klassiker, der trotz inzwischen erreichter methodischer Verbesserungen und Verfeinerungen des Instrumentariums nichts von seiner Vorbildlichkeit verloren" habe (Leser, 1990, S. 97).
Schaut man sich den eigentlichen Forschungsbericht näher an, so fällt auf, daß er – für eine empirische Studie eher ungewöhnlich – keinen einzigen Verweis auf verwandte Studien enthält. Ihr Vorhaben scheint den Autoren so neuartig erschienen zu sein, daß sie glaubten, auf keinerlei Vorarbeiten zurückgreifen zu können oder zu müssen. Der Pioniercharakter, den Leser der Arbeit zuspricht, scheint daher auch für die Selbstwahrnehmung der Wiener Forschergruppe gegolten zu haben. Neurath, der lange Zeit mit Lazarsfeld in den USA zusammenar-beitete, stellt dies in einem neueren Referat auch so dar: "Für diese Art der Untersuchung gab es damals noch kaum irgendwelche Vorbilder .... Die Autoren von ,Marienthal' mußten also nicht nur vieles von der grundle-genden
Begriffsbildung, sondern vor allem das meiste von der Methodik für ihre Studie erst selbst entwickeln"
(Neurath, 1991, S. 4f.). Die sozialwissenschaftliche Arbeitslosenforschung – so die naheliegende und verbreitete Schlußfolgerung – beginnt mit der Marienthalstudie.
Der Untersuchungsbericht wurde allerdings bereits in der Erstveröffentlichung durch eine längere methodische Einleitung und ein umfangreiches Nachwort ergänzt, damit ein 'richtiges' Buch zustande kam. Wie Zeisel später hinsichtlich des Nachwortes offenherzig zugab: "Wir haben [ein Nachwort] verfaßt, um den intellektuellen Stammbaum unserer Forschung zu erweitern" (zitiert nach Oberschall, 1981, S. 17).
Vollständiger Text als pdf-Dokument hier.
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