Die Marienthaler Forschergruppe
"Meine Marienthaler Mitarbeiter und ich waren ohne Zweifel Soziologen im heutigen Sinn. Aber wir betrachteten uns als Sozialpsychologen, die ihre Arbeit in einem politischen Rahmen durchführen wollten. .... Unter Sozialpsychologie verstanden wir das quantitative Studium von Massener-scheinungen" (Lazarsfeld, 1960)
Der Entstehungshintergrund
Die Marienthalstudie ist unter Bedingungen entstanden, die für die gängige Form, empirische Sozialforschung zu betreiben, eher untypisch sind: Statt - wie von Lazarsfeld geplant - das Freizeitverhalten städtischer Industriearbeitern zu untersuchen, wechselte man auf politischen Rat kurzfristig das Thema und beschäftigte sich mit den Lebensverhältnissen in einem ‚arbeitslosen' Fabrikdorf, in dem die Bewohner durch die Schließung der einzigen Fabrik ihre Erwerbsquelle verloren und damit Freizeit im Überfluss hatten. Über den genauen Entstehungshintergrund geben Interviews mit den Autoren ebenso Auskunft wie Veröffentlichungen über die von Lazarsfeld gegründete Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle (z.B. Fleck, 1990; Kern, 1982; Wacker, 1992; Schnell, Hill & Esser, 1999); die Marienthalstudie gilt heute als bedeutendste Forschungsarbeit dieser Forschungsstelle.
Die Feldarbeit in Marienthal ist ein frühes Beispiel für die Organisation sozialwissenschaftlicher Forschung als Teamarbeit und für eine Forschungsstrategie, die Kontaktpersonen und Informanten vor Ort systematisch einbezieht. In einem Anfang der 90er Jahre publizierten Kurzbericht zur Marienthalstudie schildert Marie Jahoda die Ausgangslage mit folgenden Worten: "Lazarsfeld war der intellektuelle Leiter der Arbeitsgruppe, die aus 15 in verschiedenen Disziplinen geschulten Menschen bestand. Er war an der Materialsammlung nicht direkt beteiligt, wohl aber nahm er führend an den wöchentlichen Zusammenkünften aller Mitarbeiter teil, die Erfahrungen und Eindrücke austauschten, methodische Improvisationen vorschlugen, und Einzelfälle und Einzelbeobachtungen zur Diskussion stellten" (Jahoda, 1991, S. 120). [Video-Link Projektbesprechung aus "Einstweilen...." ]. Und der Schlusssatz des Vorworts lautet: "Da der Text, wie er hier vorliegt, immer wieder umgearbeitet wurde, läßt sich der Anteil der Autoren und des Herausgebers an ihm nicht trennen, denn Herr Dr. Paul Lazarsfeld, bei dem die Gesamtleitung der Untersuchung lag, hat auch die Anordnung und Formulierung der Ergebnisse dauernd beraten." Später ergänzte Jahoda in einem Interview mit Christian Fleck: "Wir hatten viele Diskussionen darüber, wie das Material organisiert werden soll und wo die Hauptpunkte sind. Dann habe ich das Material genommen und die Arbeit geschrieben" (Jahoda im Interview vom 11.06. 1987; ähnlich in einer persönlichen Mitteilung an Fryer, 1989, S. 480).
Wichtigste Mitarbeiter zu Beginn der Feldarbeit war Frau Dr. Lotte Danzinger, damals Wissenschaftliche Assistentin am Psychologischen Institut der Universität Wien (Leiter: Prof. Dr. K. Bühler), die sich am längsten von allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Marienthal aufgehalten hat. Ihr dankt Lazarsfeld in seiner Einleitung namentlich, allerdings unter Falschschreibung ihres Namens ("Frl. Dr. Danziger"). Sie selber behielt ihre Zeit in Marienthal - es war Winter - in unguter Erinnerung:
"Ich habe eine Zeitlang dort" (= in Marienthal) "gewohnt und habe ein paar Interviews gemacht. Aber ich habe es sehr gehasst. - I: Sie haben in Marienthal gelebt? - Ich habe ein grässliches, furchtbares Zimmer gehabt, fürchterlich. Das war eine Woche oder zehn Tage vielleicht ... Ich bin halt in der Früh' ausgezogen und hab' ein paar Interviews gemacht mit verschiedenen Familien und habe das dann am Nachmittag aufgeschrieben. Das mußte ja abgeschrieben werden. Man konnte vor den Leuten ja nicht schreiben, sonst hätten die ja sofort aufgehört. Man mußte ja Gedächtnisprotokolle machen. Aber es war nicht lang. Es waren nach mir und vorher Leute dort. - I: Diese Interviews, waren die schwierig? - Ich kann mich nicht erinnern. ... Ich habe das nicht leiden können; ich habe das sehr verdrängt. Aber mein Gott, ich komme leicht aus mit Leuten. Die waren ganz freundlich. Ich meine, es war niemand, der einen zurückgewiesen hätte" (Fleck-Interview mit Schenk-Danzinger vom 14.06.1988; AGSÖ-Newsletter, 1992, Nr. 7, S. 5).
Forschungsarbeit im Team
Unterstützt wurde das Leitungsteam Lazarsfeld, Jahoda und Zeisel durch rasch rekrutierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus dem großen Bekannten- und Verwandtenkreis; manche hatten auch schon bei Arbeiten der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle ausgeholfen. Jahoda später: "An ausgezeichneten Mitarbeitern von den verschiedenen Fachgebieten hat es nie gefehlt. Nicht nur der intellektuelle Anreiz der empirischen wissenschaftlichen Arbeit, sondern auch die materielle Not, in der sich damals viele junge Intellektuelle befanden, garantierte ihre Bereitschaft zur Mitarbeit, auch wenn sie manchmal wochenlang auf ihren spärlichen Lohn warten mußten" (Jahoda, 1980/81, S. 13). Oder: "Wissen Sie, die Forschungsstelle hat davon existiert, dass eine große Anzahl der jungen Intellektuellen arbeitslos war" (Jahoda in Greffrath, 1979, S. 118).
Sind Urheber- und Autorenschaft insgesamt unstrittig, fällt die Antwort auf die Frage, wer aktiv an den Feld- und sonstigen Erhebungsarbeiten in welchem Umfang beteiligt war, weniger eindeutig aus. Im Vorwort namentlich genannt werden 15 Personen, unter ihnen vier Marienthaler und zwei Mitarbeiter, "die vor allem die schwierige Verbindung mit den politischen Gruppen aufrechterhalten haben". Diese Zahl taucht auch in einem polizeilichen Aktenstück vom 24.06.1932 auf (AGSÖ-Newsletter, 1997). In einer frühen Veröffentlichung sprach Lazarsfeld (1933, S. 91; original 12/1932) von "10 psychologischen Mitarbeitern in Marienthal". In ihrer ersten englischen Veröffentlichung hob Marie Jahoda das breite Spektrum der parteipolitischen Orientierungen der Forschungsmitarbeiter gesondert hervor: "In Marienthal we felt it necessary to have in our team members of all different political groups existing in the village, from the Nazis to the Communists" (Jahoda, 1938, S. 72).
Zeisel sprach 1933 von einer "Gruppe von 10 Studenten und Freunden der 'Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle', die in verschiedenen Funktionen nach Marienthal kamen: als Leiter ärztlicher und pädagogischer Beratungsstellen, als Lehrer in Näh- und Turnkursen, als Helfer in den verschiedenen politischen Gruppen u. dgl." (Zeisl, 1933, S. 100). Zusätzlich wurde die Schuldirektion Grammatneusiedl vom zuständigen Bezirksschulrat aus Wien angewiesen, die "psychologische Untersuchung von Schulkindern" zu gestatten (vgl. AGSÖ Newsletter Nr. 16, 1997). Diese kam dann - als "psychotechnische Untersuchung" - nicht zustande; vielmehr ließ man Schulkinder Aufsätze zu unterschiedlichen Themen schreiben.
Je zwei Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Spezialisierung, aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis der Forschungsgruppe (u.a. Dr. C. Jahoda) wird für die praktische Mitwirkung durch das Abhalten ärztlicher Sprechstunden gedankt. Deren Mitwirkung erfolgte gemäß dem Grundsatz der Forschungsgruppe: "Es war unser durchgängig eingehaltener Standpunkt, dass kein einziger unserer Mitarbeiter in der Rolle des Reporters und Beobachters in Marienthal sein durfte, sondern dass sich jeder durch irgendeine, auch für die Bevölkerung nützliche Funktion in das Gesamtleben natürlich einzufügen hatte" (so Lazarsfeld in seiner Einleitung).
Einer der beteiligten Ärzte, Paul Stein, hat noch vor Veröffentlichung der Marienthal-Studie über seine Beobachtungen in mehreren von Arbeitslosigkeit betroffenen Landgemeinden berichtet (s. Stein, P., 1932 im Textarchiv).
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