Auszug aus der Gramatneusiedler Festschrift anläßlich der Markterhebung.
[37] "Die verschiedensten Versionen, die zur Entstehung des Namens geführt haben könnten, werden in der Überlieferung weitergegeben. Keine ist überprüfbar oder beweisbar.
Nach Erzählungen soll es nach einem Marienbild auf einem Akazienbaum benannt worden sein.
Die zweite Version sagt, dass es nach Maria Theresia benannt wurde, welche bei dem Müller Osmann, der die Theresienmühle bewirtschaftete, ca. um das Jahr 1770 öfter auf der Durchreise nach Mannersdorf Station machte.
Die dritte Version besagt, dass sich auf dem Grund der späteren Theresienmühle einmal ein Kloster befand, nachdem der Ortsteil benannt wurde.
In den Geburts-, Trauungs- und Totenbüchern scheint der Name das erstemal im Jahre 1823 auf.
Schon seit langen, langen Zeiten standen entlang des Piestingflusses und der Fischa Mühlen, welche den Bedarf der Umgebung mit allen Mühlprodukten deckten.
Der Beginn der Industrie geht in das Jahr 1820 zurück. In diesem Jahr kaufte der Wiener k. u. k. Polizeikommissar von Pausinger die Theresienmühle. [...]
Die richtige Industrialisierung Marienthals begann 1830, als der Wiener Bankier Hermann Todesco durch
den Ort kam und sofort die hervorragenden Eigenschaften der Landschaft für ein größeres Werk feststellte. Die flache Gegend bot dem Transport keine Schwierigkeiten, die Fischa-Dagnitz fror mit ihrem gleichmäßig warmen Wasser auch im strengen Winter nicht zu und konnte mit ihrer Kraft dem Betrieb die nötige mechanische Energie (es gab noch keine Elektrizität) liefern.
1831 kaufte er die Fabrik (Altgebäude), vergrößerte sie und errichtet in ihr eine "Wohlspinnerey Fabrik"; mit seinem Namen ist der Aufstieg Marienthals aufs innigste verbunden.
1833 errichtete er einen Kindergarten und eine Schule in Marienthal . Für die Arbeiter baute er eine Kantine. Es kamen auch einige kleine Geschäfte dazu. Der Ort wurde größer; er dehnte sich nach dem Dorf Gramatneusiedl zu aus.
Die Löhne der damaligen Zeit waren gering und so mussten auch schon die Frauen und halberwachsenen
Kinder 8 Stunden am Tag arbeiten, noch dazu in [S. 37/38] drei Schichten, aber man kannte es damals nicht anders. Trotzdem kamen die Menschen gerne nach Marienthal: erstens wegen der guten Wohnungen und dann auch wegen der sicheren Arbeit, mit der sie das Brot für sich und ihre Familien erwerben konnten. Es war allgemein üblich, dass der Arbeiter mit Frau und Kindern in der Fabrik beschäftigt war. Für die
Kleinkinder gab es den Kindergarten und für die größeren die Schule, in der täglich zwei Stunden unterrichtet wurde.
Der Betrieb wurde bald vergrößert und man schloss der Flachsspinnerei eine Baumwollspinnerei an. Es wurden neue Arbeiterhäuser gebaut, die allerdings dem damaligen Stil der Zeit unterworfen waren. Kleine Wohnungen,
bestehend aus Zimmer und Küche, in langgestreckten, an Kasernen erinnernde Bauten (sie existieren heute noch), alle nach dem selben Muster gebaut. Nur das Herrenhaus, das Beamtenhaus und das Fabrikspital ragten zweistöckig darüber hinaus.
Hermann Todesco starb 1844. [...] 1845 kaufte sein Sohn Max die "Ladenmühle", riss sie ab und begann mit
dem Bau der neuen großen Fabrik. 1846 erbaute er das "Neugebäude" und verwendete es wie die frühere
Fabrik, die seither "Altgebäude" genannt wird, als Wohnhaus für die Arbeiter. (...)
1882 wurde eine Druckerei angebaut und der Betrieb fusionierte. [S. 38] [...] [S. 40] Gleichzeitig wurden auch neue Wohnbauten errichtet, die Zahl der Angestellten und Arbeiter nahm ständig zu.
1890 zählte Gramatneusiedl mit Marienthal und Neureisenberg 3.048 Einwohner. Innerhalb von 10 Jahren
hatte sich die Bevölkerung verdoppelt.
Marienthal war ein lebendiges politisches Gebiet. In dieser Zeit entstanden politische und gewerkschaftliche Vereinigungen.
Genauso aber gründeten die Arbeiter und Angestellten der Fabrik, um ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen, Sport-, Gesang-, Tierzüchter- und viele andere Vereine. Speziell Wert wurde auf eine gut funktionierende Musikkapelle gelegt, sowie auf den Theaterverein, an dem sich viele Laienschauspieler beteiligten, von denen manche beachtliches Talent aufwiesen.
1918 begann sich die Organisation der Fabrik grundlegend zu ändern.
Es wurde ein Betriebsrat gegründet, welcher bald starken Einfluss bekam; wiederholt kam es zu Arbeitseinstellungen und großen gewerkschaftlichen Kämpfen.
In den folgenden Jahren wurde der Betrieb immer wieder erweitert und begann nun auch mit der Produktion von Kunstseide; 1925 wurde ein Neubau angegliedert, der einen Maschinenraum enthielt.
Im selben Jahr streikten landesweit die Textilarbeiter und die ganze Belegschaft beteiligte sich daran.
Es erfolgten die ersten Entlassungen, der Arbeiterstand wurde auf die Hälfte reduziert. 1927 und 1928 und sogar noch der Anfang 1929 waren ertragreiche Jahre.
Auf Grund der Weltwirtschaftskrise wurde Ende 1929/Anfang 1930 die Fabrik stillgelegt und die Maschinen
demontiert.
Von 2986 Einwohnern waren plötzlich 1486 (in 478 Familien) ohne Beschäftigung.
Mit der Stilllegung der Fabrik und die dadurch entstehende Arbeitslosigkeit wurde ein seelischer Strukturwandel
herbeigeführt, der in einer von der Universität Wien durch Dr. Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel erstellten Studie interpretiert wurde. Diese Studie erschien 1933 unter den [sic!] Namen "Die Arbeitslosen von Marienthal".
Ein kleiner Lichtblick kam 1934 als Kurt Sonnenschein eine kleinere Textilfabrik mit 350 Webstühlen
errichtete."
[Der Text wurde an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst.]
Auszug aus: Schwab, T. & Tesar, R. (Bearbeiter). (1995). Festschrift anläßlich der Markterhebung 1995. (S. 37-40). Gramatneusiedl: Gemeinde Gramatneusiedl.
| |