Paul Neurath: "Die Arbeitslosen von Marienthal" - Geschichte und Ergebnisse einer grundlegenden Untersuchung
 
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Paul Neurath: "Die Arbeitslosen von Marienthal" - Geschichte und Ergebnisse einer grundlegenden Untersuchung

Vortrag auf der Alfred Dallinger Tagung des Instituts für Arbeiterbildung in Marienthal am 10. April 1991
 
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1. Einleitung
Es ist ein merkwürdiges Erlebnis für einen Soziologen, über eines der klassischen Werke der modernen Soziologie, "Die Arbeitslosen von Marienthal", von Lazarsfeld, Jahoda und Zeisel, hier in Marienthal selbst zu sprechen, wo das Werk vor genau 60 Jahren entstanden ist. Und es ist darüber hinaus für mich persönlich ein besonderes Erlebnis, weil das Werk in meinem eigenen Leben eine sehr entscheidende Rolle gespielt hat. Erst einmal damit, daß ich, als ich das Buch noch hier in Wien 1934 zum ersten Mal las, von da an endlich genauer wußte, was ich mit meinem bis dahin etwas vagen Wunsch, Soziologie zu studieren, wirklich anfangen wollte: Studien wie diese machen zu können. Nur hatte ich keine blasse Ahnung, wo und wie man so etwas lernen könnte. Bestimmt nicht hier in Wien, wo ich damals gerade Jus studierte, weil es das Fach als solches hier an der Universität noch gar nicht gab. Es war dann, und das ist meine zweite Verbindung mit dem Werk, eine merkwürdige Verkettung von persönlichen Schicksalen und Zufälligkeiten, daß ich es sieben Jahre später, gerade bei einem der Autoren von "Marienthal", bei Paul Lazarsfeld in New York lernen sollte, wo ich in den frühen 40er Jahren an der Columbia Universität sein Schüler und gleichzeitig einer seiner Forschungsassistenten war.
 
Das Buch - heute, wie gesagt, einer der Klassiker der soziologischen Literatur - wäre der Welt beinahe verloren gegangen, weil es schon im Mai 1933, nur wenige Monate nach seinem Erscheinen, und bevor noch der Großteil der Auflage in den Buchhandel gekommen war, auf dem Scheiterhaufen der großen Bücherverbrennung landete.
 
Es gab dann erst 1960 eine neue deutsche Auflage, der in den nächsten etwa 20 Jahren zwei weitere deutsche, eine englische, eine amerikanische, und eine französische und schließlich 1983 noch eine koreanische Ausgabe folgte. Die letztere besorgte ein ehemaliger Schüler von mir, Prof. Hung-Tak Lee, in Seoul, Süd-Korea.
 
Das Buch hat, obwohl streng wissenschaftlich und unpolitisch geschrieben, eine politische Geschichte. Die Autoren, alle drei tätig an der von Lazarsfeld gegründeten Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle in Wien, eigentlich ein Marktforschungsinstitut, waren gleichzeitig politisch sehr aktive Sozialisten, die gerne mit ihrem sozialpsychologischen Wissen, auch etwas für die Arbeiterschaft Nützliches beigetragen hätten.
 
Nun waren damals erst 12 Jahre vergangen, seit die Arbeiter mit der Revolution von 1918 auch den 8-Stundentag erkämpft hatten - damals noch in einer 48-Stunden Woche. Da meinten sie, daß es nützlich sein könnte, zu untersuchen, was die Arbeiter mit der so gewonnenen Freizeit anfingen.

Vielleicht konnte man ihnen helfen, sie besser zu gestalten.
 
Mit dieser Idee gingen sie zu Otto Bauer, dem damaligen Führer der österreichischen Sozialdemokratie. Der schlug die Hände über dem Kopf zusammen: "Freizeit wollt ihr untersuchen, wenn das, was die Menschen brauchen, Arbeit ist? Warum untersucht ihr nicht lieber die Wirkung langdauernder Arbeitslosigkeit?" Und er sagte ihnen auch gleich, wo sie das am besten tun konnten: hier, in Marienthal.
 
Dazu ist daran zu erinnern, daß die große Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre, die mit dem großen Börsenkrach in New York im Oktober 1929 begonnen hatte, damals schon seit über einem Jahr in vollem Gang war. Wir erleben zwar gerade jetzt wieder eine Zeit steigender Arbeitslosenzahlen mit zur Zeit in Österreich knapp über 200.000 Arbeitslosen, das sind etwa 6,5% der Erwerbstätigen; das ist aber, so hart das klingen mag, noch verhältnismäßig wenig, verglichen mit den Zahlen von damals. Damals gab es auf dem Tiefpunkt in Österreich über 600.000 Arbeitslose; in Deutschland über 6 Millionen, in Amerika zwischen 13 und 15 Millionen, und so durch alle Industriestaaten immer mit 20% bis zu 25% aller Erwerbstätigen oder rund 10% der ganzen Bevölkerung.
 
Ähnlich war es in den Agrarstaaten. Nur konnten dort vor allem die großen Zucker-, Kakao-, Kaffe-, Baumwolle-, Jute-, usw. Plantagen nicht so rasch zugesperrt werden, wie anderswo die Fabriken, weil erst noch die Felder abgeerntet werden mußten. Aber wohin mit den Produkten, wenn diese nicht mehr in den gewohnten Mengen verkauft werden konnten? Damals wurden halbe Ernten entweder wieder eingepflügt, oder verbrannt, oder ins Meer geschüttet. Zu meinen schrecklichsten Erinnerungen gehört neben dem Verbrennen von Weizen, während anderswo Menschen hungerten, daß es damals in Brasilien eine Maschine gab, die rohe Kaffebohnen mit flüssigem Teer zu Straßenbelag verarbeitete. Dazu eine kleine Vignette: Etwa 40 Jahre später fragte jemand bei einem Radiointerview Marie Jahoda, ob sie damals als engagierte Sozialisten keine Skrupel gehabt hätten, ihre kostbare Zeit mit Marktforschung zu vergeuden, statt etwa sinnvolle Sozialforschung zu betreiben. Worauf Marie Jahoda ungefähr antwortete: "Damals, in dieser schrecklichen Zeit, wo wir unter unseren Mitarbeitern Doktoren der Nationalökonomie und der Politikwissenschaft hatten, für die das bißchen, das sie bei uns als Interviewer verdienen konnten, ihr einziges Einkommen war, da hatten wir keine Zeit für solche Skrupel."
 
Und in Marienthal war die Situation noch viel ärger. Hier war - ich folge hier der Darstellung im Buch - 1830 eine Flachsspinnerei gegründet worden, der innerhalb weniger Jahrzehnte andere Abteilungen angegliedert wurden, bis sie zu einer der größten Textilfabriken der alten Österreichisch-Ungarischen Monarchie wurde, mit auf dem Höhepunkt bis zu 1200 Arbeitern. Aber, als die Fabrik mit dem Zusammenbruch der Monarchie den größten Teil ihrer Absatzgebiete in Ungarn und auf dem Balkan verlor, mußte der Betrieb stark eingeschränkt werden. 1926 wurde die halbe Belegschaft entlassen und im Frühjahr 1929, noch ein gutes halbes Jahr vor dem Beginn der großen Weltwirtschaftskrise, wurde der ganze Betrieb stillgelegt, die Turbinen verkauft, ganze Hallen niedergerissen - und damit praktisch der ganze Ort arbeitslos. Da aber wenige Monate darauf die Arbeitslosigkeit auch in Wien und in der ganzen Umgebung einsetzte, gab es für die Marienthaler auch keine anderen Ausweichmöglichkeiten mehr - sie blieben permanent arbeitslos. Das war also die Situation hier in Marienthal, von der Otto Bauer meinte, daß sie hier die Folgen massiver langdauernder Arbeitslosigkeit am besten untersuchen konnten.
 
Vollständiger Text als pdf-Dokument hier.


 
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