Marie Jahoda - Dankesrede
 
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Forschergruppe - Mitarbeiter - Marie Jahoda - Dankesrede Jahoda Dezember 2000
Marie Jahoda (1907 - 2001)

Marie Jahoda

"Der einzige Grundgedanke, an dem ich dauernd versuche festzuhalten, ist, dass es eine Wechselwirkung zwischen menschlichen Handlungen und gesellschaftlichen Formen gibt und dass deshalb ein Sozialpsychologe ebenso über die Fähigkeiten des menschlichen Organismus als auch über soziale Zustände und die Ideen der Soziologie informiert sein muss."

[Quelle: Jahoda, M. & Niess, F. (1985). Im Gespräch mit der Sozialpsychologin Marie Jahoda (03.06.1985) - Die Heidelberger Studie "Erfahrung und Erkenntnis" - Biographische Gespräche mit zeitgenössischen Wissenschaftlern. Heidelberg: SDR]

 
Dankesrede für den Preis der Stadt Wien für Wissenschaften
 
Von dem Erfolg zieh ab das Glück!
 
Marie Albu-Jahoda, geb. 1907 in Wien, Sozialpsychologin. Seit 1937 in Großbritannien, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Sussex; bekannt geworden durch die gemeinsam mit Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel herausgegebene Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" (1933)
 
Die große Ehrung, die mir die Stadt Wien heute gewährt, erinnert mich an einen Vers, den mein Vater vor 75 Jahren für uns Kinder geschrieben hat. Er lautet: "Von dem Erfolg zieh ab das Glück! Sei stolz auf das, was bleibt zurück."
 
In meinem Fall ist das Glück ein außerordentlicher Bestandteil meines Lebens gewesen. Ich war glücklich in der Wahl meiner Eltern, war glücklich, in der Blütezeit der Sozialdemokratie aufzuwachsen, und ich war schließlich glücklich, dass ich aus Wien im Jahre 1937 ausgewiesen wurde; denn hätten die Nazis mich, eine Jüdin und Sozialistin, gefunden, wäre es mir heute wohl nicht möglich, zu Ihnen zu sprechen.
 
Ich bin in Wien zu einer Zeit aufgewachsen, in der die großen Ideale des Sozialismus wirklich einen großen Einfluss auf uns alle ausgeübt haben. Ich war schon mit 17 Jahren Obmann der sozialistischen Mittelschüler, und ich hatte am 1. Mai 1926 Gelegenheit, am Rathausplatz vor 100.000 Arbeitern die Idee der Schulreform zu vertreten. Das blieb nicht folgenlos. Denn die Direktion meiner Mittelschule war so entsetzt darüber, dass man mir im Maturazeugnis ein "Gut" in Betragen gegeben hat. Die politischen Überzeugungen, die wir damals gehabt und die wir weitergegeben haben, blieben - auch wenn sie bloß Illusionen waren - doch echte Werte, die man für sein Leben erworben hatte.
 
Ich bin unter der Schuschnigg-Regierung eingesperrt worden, aber diese Regierung war zum Glück sehr abhängig von der Meinung, die der Westen von ihr hatte. Ein paar Engländer, die die Marienthal-Studie gelesen hatten, haben bei Schuschnigg interveniert, als er nach London kam, haben gesagt, dass ich eine unschuldige Frau und die Mutter eines Kindes sei. Nun, ich war nicht ganz so unschuldig, wie die englischen Freunde es dargestellt haben, aber für Schuschnigg war das doch von Bedeutung. Er kam nach Wien zurück und sagte: "Lasst die Jahoda frei, wenn sie verspricht, das Land zu verlassen."
 
Ich bin nach London gegangen, und damals ist der Begriff der Nation ein mich beherrschender Gedanke geworden. Ich habe in meinem Leben vier Nationalitäten gehabt: Ich bin geboren worden als ein Untertan der Habsburger, dann war ich Staatsbürgerin der Ersten Republik; während der Kriegsjahre war ich staatenlos, also bin ich nach Amerika gegangen und wurde amerikanische Staatsbürgerin; schließlich bin ich nach England zurückgekehrt und bin jetzt englische Staatsbürgerin.
 
Wichtig ist die nationale Identität
Die staatliche Nationalität ist von geringem Wert. Was einen wirklich beherrscht, was man nicht ablegen kann, auch wenn man will, ist hingegen die nationale Identität. Ich fühle mich nicht als Österreicherin, ich habe mich nie als Amerikanerin gefühlt, aber ich weiß, dass die Jahre meiner Jugend einen unauslöschlichen Einfluss auf mein ganzes Leben gehabt haben.
 
Ich will Ihnen noch berichten, was ich in England während des Kriegs gemacht habe; es war dreißig Jahre lang ein Staatsgeheimnis. Ich habe eine Radiosendung mit dem Titel "Radio Rotes Wien" gemacht, die von England aus nach Österreich gesendet wurde. Es würde mich sehr freuen, wenn ich einmal einen Menschen treffen würde, der diese Sendung gehört hat. Zudem gab es den englischen Geheimsender "Gustav Siegfried Eins", das war ein pornografischer Sender; er hat vorgegeben, von deutschen Offizieren gestaltet zu werden, die gegen die verbrecherische Nazi-Regierung kämpfen.
 
Damals habe ich jeden Abend 20 Minuten durch den Äther nach Österreich gesprochen. Wir haben von den Berichten deutscher Kriegsgefangener "gelebt", die uns gesagt haben, ob sie unseren Sender gehört haben oder nicht. "Gustav Siegfried Eins" haben hunderte Kriegsgefangene gehört; sie berichteten, dass sie mit großem Interesse den pornografischen Sendungen gelauscht hätten. Als nach drei Monaten schließlich ein einziger Kriegsgefangener mir gestand, dass er "Radio Rotes Wien" hörte, ist mir das als größter Erfolg meines Lebens erschienen.


 
  Kontext:

© Projekt MeS, 2002